Wenn ein Clown sich amüsieren geht
Tränen der Trauer tropfen auf den Boden und vermischen sich mit dunkelrotem Blut. Im Nachhinein, glaube ich, hätte keiner sagen können, dass ein Mensch tatsächlich in der Lage zu solchem wäre. Ich glaubte es nicht. Aber dann geschah es. Einfach so.
Das Blut sickert langsam in die Späne der Manege ein als wäre es Regenwasser, dass in den Boden sickert. Nur das Blut färbt die Späne, lässt sie schmutzig aussehen als wären sie an dem Verbrechen beteiligt gewesen. Einfach so. Plötzlich zog er die Waffe und feuert wild auf die Menschen, so als würde er einen ungebändigten Zorn auf jeden haben. Es waren doch nur Zuschauer. Unschuldige Zuschauer.
Das Zelt ist nun beinahe leer, die Luft mit dem Geruch von Tod gefüllt. Das Schluchzen der gebeugten Gestalt, die noch drinnen sitzt, ist in der Stille bis nach draußen zu hören. Jetzt empfinde ich Mitleid mit ihr und straffe mich sogleich, da ich doch weiss was sie getan hat.
Die ersten Schüsse kamen für jeden vollkommen plötzlich. Erst kam die Starre, keiner realisierte so recht was geschah. Dann setzte sich die Menschenmasse panisch in Bewegung. Jeder wollte sich selbst retten, übersah dabei die anderen so als wären alle plötzlich weg, in die Luft entschwunden. Die Tribüne brach unter den vielen trampelnden Füssen zusammen und Körper mischten sich mit umgestürtzten Bänken. Immer noch flogen Kugeln wie wild durch das Zelt. Von der Mitte der Manege aus brachten sie Schmerz über die Zusschauer, die jetzt keine mehr waren. Es war wie in einem Aquarium mit zu vielen Fischen.
Ich weiss nicht wie ich heraus gekommen bin, aber, Gott sei Dank, ich habe es geschafft. Fremdes Blut mischt sich auf dem gerade erst gekauften Hemd mit meinem eigenen. Ich werde es wohl wegwerfen müssen. Es würde mich nur an dieses Elend erinnern. Immer und immer wieder.
Das Gesicht zu einer Grimasse verzerrt, schoss die Gestalt im Clownskostüm willkürlich in die Menge. Die Automatikpistole erfüllte die Manege mit Lärm der mir noch jetzt in den Ohren hämmert und mir keine Ruhe lässt. Ich halte mir die Hände an den Kopf und versuche die Bilder und Geräusche weg zu schieben, aber sie wollen nicht, bleiben wie Steine vor meinen Augen. Ich sehe wie eine große und schwere Bank auf ein Mädchen fällt und das Bein bricht und höre wie das Kind aufschreit, nach seiner Mutter ruft, aber niemand kommt und hilft ihm. Jeder hat nur sich selbst im Kopf.
Von weit weg höre ich die ersten Polizeisirenen, ganz schwach kommen sie langsam näher und erfüllen die Atmosphere mit einem Hauch von Sicherheit. Aber auch das ist eine Illusion, die ich mir schönrede. Ich weiss es und will es doch nicht wahr haben.
Ich bin seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr im Zirkus gewesen, ich habe vergessen wie die Manege riecht und wie die Tiere aussehen und was für einen Spass es macht der Show zu folgen. Jetzt werde ich wohl nicht mehr in den Zirkus gehen, mir ist der Spass vergangen.
Ich könnte, jetzt im Nachhinein, nicht ganz genau sagen wie der Clown aussah. Seine viel zu großen, roten Schuhe, der ebenfalls zu große gelb-rote Strampelanzug, die rote Nase und die grünen Haare sind mir ins Gedächtnis eingebrannt. Aber sein Gesicht ist für mich nur eine Grimasse. Ein verschmierrter Fetzen Gesicht. Ich glaube er hat gegrinst, aber anderseits grinsen alle Clowns. Vielleicht sah er eher wütend aus, aber die Schminke verdeckte die Emotionen.
Jetzt kann ich die ersten Polizeiautos die Straße hinauf fahren sehen. Die Sirenen sind ganz laut und übertönen das Vogelgezwitscher, das, selbst als die Schüsse und Schreie in der Manege losbrachen, nicht inne hielt. Plötzlich höre ich ein leises Klacken als ob etwas gespannt wird. Darauf folgt Stille, erst als die Beamten dem Zelt näher kommen höre ich wieder einen Schuss. Einen einzigen. Wie um einen Schlusspunkt an die Salve zu setzten, die vor nur einigen Sekunden so viele Menschen tötete.
Der erste Polizist stürmt trotz der Gefahr los. Läuft in die Manege und schreit unvermittlert auf. Er steht in der Mitte einer leeren Manege. Die Bänke stehen ordentlich im Kreis, die Späne sind sorgfälltig verteilt und blutlos. Der Clown ist verschwunden als hätte er es sich anders überlegt. Als hätte er die Zeit in der Manege zurück gedreht.
Fremder. Wer bist du?
Als ich mich im Supermarkt verabschiede bringt mir die Kassiererin ihr fröhliches ‘Vielen Dank, ich wünsche ihnen einen schönen Abend’ entgegen. Es klingt aufgesetzt, als ob dahinter jemand Versteck spielen würde, mich erfühlt es mit einem Gefühl das mir völlig fremd ist, ich fühle mich in dem Moment wie jemand anders.
Im Auto auf dem Weg nach Hause kommt mir ein laufendes Mädchen entgegen mit ihrem Hund an der Leine. Ich laufe selbst, finde es gut wenn andere es ebenfalls tun, aber dieses Mädchen erfüllt mich mit Ekel. Ich schäme mich, dass ich sie wegen ihrer Leibesfülle verurteile, zumal ich doch selbst mal dicker war. Wieder kommt dieses Gefühl als ob ich aus meinem Körper ausgetreten sei, und nun jemand anderes mein Sein lebt.
Zur gleichen Zeit spricht ein Pastor im Radio über seine Jugendzeit. Sagt, es wäre so schön gewesen, als er damals mit Freunden im Wald und auf der Wieso Räuber und Gendarm spielte. Ich habe das Tollen in der Wildnis – hinterm Haus – immer geliebt, rannte über Hügel, kletterte auf Bäume und was es noch gab. Aber die Worte des Geistlichen erfühlen mich mit Unbehagen. Es liegt nicht an dem was er macht. Es liegt viel mehr daran, dass er ein Pastor ist. Solche Menschen sind mir fremd, ich verstehe sie nicht. Ich konnte nie richtig verstehen wie Menschen eine Religion – etwas Geschaffenes um Trost zu spenden – missbrauchen können, nur um des Eigennutzes Willen. Allerdings kenne ich auch einen freundlichen Pastor, eine Frau sogar. Und dennoch: Was, in mir, widerstrebt dem. Wer sagt mir, dass dies keine Person ist, der ich Sympathie entgegen bringen kann. Kein Grund. Keine Erklärung.
Die spinnen, die Chinesen!
Wieso werden Freigeister in China immer wieder entführt? Ich sehe, dass Menschen für westliche Verhältnisse scheinbar grundlos festgenommen werden und das regelmässig.
Stehen diese Menschen am Ende einer Kette dem Gewinn im Weg? Geht es darum, dass diese Reformer den Menschen in den Vordergrund schieben wollen und somit das Geld als zweitrangig abstempeln?
Geld. Wie kann eine von Menschen geschaffene Währung seinen Schöpfer bestimmen? Wie kommt es, dass wir Menschen uns selbst nicht respektieren? Sind es unsere Instinkte, die uns sagen nur uns selbst zu schützen? Aber diese Gier nach Luxus und Lust ist lange schon nicht mehr aus Gründen des Überlebens. Das ist krank.